Die Katze in Sagen und Märchen

Ebenfalls aus Illustriertes Katzenbuch von Jean Bungartz. Von dort stammen auch die Katzensprichwörter.

Hier der Anfang des Textes:

Die Katze in Sagen und Märchen

Es darf nicht überraschen, dass ein Tier, welches bei vielen Völkern in so hohem Ansehen stand und abgöttisch verehrt wurde, im Laufe der Zeit sich mit mythischem Glanze umworben sah, in den Märchen der verschiedensten Völkerstämmen Eingang fand und mit den mannigfachsten Dingen in Berührung gebracht wurde. Veil mag hierzu der eigenartige Charakter der Katze, sowie ihre in der Dunkelheit leuchtenden Augen und die mehr nächtliche Lebensweise beigetragen haben.

In den indischen, ägyptischen, römischen, griechischen und germanischen Sagen tritt die Katze wiederholt in hervorragender Stellung auf. Meist war sie der Göttin der Fruchtbarkeit, der Ehe, der Geburt und der Beschützerin des häuslichen Glücks geweiht, so bei den Ägyptern der Bubastis, bei den Griechen der Artemis und der Freia bei den Germanen; wer daher Katzen pflegte und liebte, durfte auf Schutz und Segen in der Liebe und Ehe hoffen.

In seinen Katzenbriefen gibt Michel folgende Fabel zum Besten: „In dem Augenblick als die Welt erschaffen wurde, wollten Sonne und Mond sich daran beteiligen, und die Sonne schuf den Löwen; der Mond dagegen gab die Katze, die weder an Mut noch an Schönheit den Löwen erreicht und diesen nachstand, wie der Mond seinem Sonnenbruder. Dieser Missgriff rief spöttisches Gelächter und Unwillen hervor; Gelächter bei den Anwesenden und Unwillen bei der Sonne, die, gereizt durch die Anmaßung des Mondes, sich ihr gleichstellen zu wollen, als Zeichen der Verachtung die Maus schuf. Aber der Mond, aufgeregt durch den Hohn seiner Umgebung, setzte das hässlichste von allen Tieren, den Affen, in die Welt, und unauslöschliches Gelächter empfing den Unüberlegtgeborenen, wodurch der Mond aufs heftigste ergrimmte und, um sich an der Sonne zu rächen, zwischen Löwe und Affen, Katze und Maus unsterblichen Hass aufkommen ließ.“

In der ägyptischen Göttersage begegnen wir verschiedenen Darstellungen der Katze, so war sie im Tempel zu Heliopolis der Sonne geheiligt, weil die Pupille der Katze dem Lauf der Sonne folgt. Die Katzengöttin Pacht wurde häufig mit einem menschenähnlichen Antlitz dargestellt, dann wieder als weibliche Figur mit einem Katzenkopfe geschmückt mit dem Uräus und in der Hand eine Art Zepter und auch wiederholt mit einem Männerhaupte in der Hand, als Sinnbild der Gewalt über die Herzen.

Die Inder dachten sich den Mond als weiße Katze und die Bezeichnung für dieselbe „Märgära“ bedeutete die sich putzende Katze, auch Reiniger der Nacht. Sie beschützt als weiße Katze die unschuldigen Wesen und verfolgt dieselben als schwarze Katze. In der vierten Fabel der Hitopadesa  tritt die Katze „Dirghfarna“ an dem Ufer der Bagirathi zu dem durch die Härte des Schicksals blindgewordenen und auf einem Feigenbaum sitzenden Geier Dscharadgava, dem die auf dem Baume nistenden Vögel aus Mitleid etwas zu seinem Unterhalt gaben und sucht unter scheinheiligen Vorspiegelungen die Gastfreundschaft auf. Diese wird ihr dann auch nach dem Austausch verschiedener moralischer Sinnsprüche gewährt und zum Dank raubt und schleppt sie die jungen Vögel in die Höhle des Baumes, um sie zu verzehren. Nachdem sie Unrat merkt, schleicht sie sich heimlich von dannen und die wiederkehrenden Vögel finden die Knochen ihrer Jungen, worauf sie den Geier als vermeintlichen Übeltäter umbringen.

Als Richter zwischen Sperling und Hasen tritt sie unter dem Namen Dabhifarna im Pantschatantra (Panchatantra) auf. …

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