Hitopadesa

Alte indische Fabelsammlung. Von der Fabel Geier und Katze, in deren Verlauf der Geier stirbt, habe ich noch folgende Version gefunden:

Vierte Fabel Hitopadesa – Katze und wie der Geier stirbt

An dem Ufer der Bagirathi, auf einem Berge, Geierhorn genannt, steht ein Feigenbaum. In einer Höhle dieses Baums lebte ein Geier, Dscharabgava (Übersetzt so viel wie alter Kerl) mit Namen, der durch die Härte des Schicksals blind geworden war. Die Vögel nun, die auf dem Baum nisteten, gaben ihm aus Mitleiden jeder Etwas zu seinem Unterhalt, wovon er lebte. Da kam einst die Katze Dirghfarna (Langohr) genannt, um die jungen Vögel zu fressen.

Als die Jungen sie kommen sahen, erhoben sie ein jämmerliches Geschrei. Der Geier, der es hörte, rief: Wer naht sich? Dirghfarna, die den Geier erblickte, sagte furchtsam: Ach ich bin verloren! Jedoch:

So lange soll man sich vor einer Gefahr fürchten, als sie noch nicht erschienen ist. Sieht man, dass die Gefahr gekommen ist, so möge man handeln, wie es sich geziemt.

Aus seiner nähe kann ich nicht entfliehen, darum geschehe, was geschehen soll; ich will mich ihm nahen und sein Vertrauen zu erlangen suchen.

So nahete sie sich und sprach:  Ehrwürdiger, ich grüße Dich! Der Geier sprach: Wer bist du? Sie sprach: Ich bin die Katze. Dann gehe weit fort, erwiderte der Geier; wo nicht, so muss ich Dich töten. Die Katze sagte: Höre erst meine Rede, dann, wenn ich den Tod verdiene, so töte mich! Denn:

Wer würde blos seines Standes wegen getötet oder verehrt? Nachdem man seinen Wandel erkannt hat, mag Einer für Straf- oder preiswürdig gehalten werden.

Der Geier sagte: Sprich, weshalb bist Du hergekommen? Sie antwortete: Ich habe hier stets am Ufer des Ganges, nehme sein Fleisch zu mir, in dem ich als Brahmatscharia das Ischandrajanagelübde erfülle. Da nun alle Vögel in meiner Gegenwart Euch stets als einen der Gesetzkunde ergebenen, und Vertrauen verdienenden Mann preisen, so bin ich hergekommen, um von Euch, die Ihr in der Wissenschaft ergraut seid, das Gesetz zu hören. Und Ihr seid des Gesetzes kundig, dass Ihr mich als Gastfreund töten wollt? Die Pflicht des Grihastha (Hausherr, eine der vier Stufen bzw. Lebensabschnitte der Brahmanen) lautet so:

Auch dem Feinde, der sich dem Hause genaht, ziemt es Gastfreundschaft zu erweisen, der Baum gibt den Schatten an seiner Seite selbst dem, der ihn fällt.

Wenn man aber seinen Reichtum besitzt, so soll man mit freundlicher Rede den Gastfreund ehren.

[…]

Aus Hitopadesa, eine alte indische Fabelsammlung, auf Deutsch 1844 erschienen.

https://books.google.es/books?id=6o0-AAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

Hitopadesa (hitopadesha), gute Unterweisung, nützlicher Rat. Ein indischer Text in Sanskrit, der aus Fabeln mit tierischen und menschlichen Charakteren besteht. Er beinhaltet Maximen, weltliche Weisheit und Moral zu politischen Angelegenheiten in einer einfachen, eleganten Sprache. Der Hindu-Text ist weit verbreitet und in vielen indischen Sprachen sowie in den Sprachen Südostasiens, des Nahen Ostens und Europas verbreitet.

Über den Ursprung des Textes ist wenig bekannt. Der erhaltene Text stammt vermutlich aus dem 12. Jahrhundert, wurde aber vermutlich zwischen 800 und 950 n. Chr. Bei Narayana verfasst. Das älteste in Nepal gefundene Manuskript wurde auf das 14. Jahrhundert datiert.

Wer genau der Autor der Hitopadesa ist, ist strittig.

Siehe auch

Panchatantra.

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